Wie KI-Tools für Produktenwicklung und Marketing die Getränkeindustrie transformieren

Die globale Getränkebranche erlebt einen tiefgreifenden Wandel: Immer mehr Unternehmen setzen auf Künstliche Intelligenz (KI), um Prozesse, Produkte und Marketing fundamental zu transformieren. Von der Rezeptentwicklung über Design und Produktion bis hin zu Absatz- und Distributionsmanagement: KI ist heute in Brauereien, Kellereien und Softdrink-Konzernen gelebte Praxis.

Veröffentlicht am 11/09/2025

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Marketing & Vertrieb
Spirituosen
Bier
Tee- und Kaffeegetränke

Ein Beitrag von

Annick Seiz

Genussbotschafterin

KI generiertes Whisky-Etikett

KI-Anwendungen in der Getränkeindustrie

Produktentwicklung: Geschmack und Innovation per Algorithmus

In der Rezeptentwicklung ermöglichen KI-Algorithmen, sensorische Daten, Markttrends und Kundenbewertungen auszuwerten. Unternehmen wie Carlsberg (Dänemark) nutzen das “Beer Fingerprinting”-Projekt für die Analyse und Optimierung von Bierrezepturen. In Belgien (KU Leuven) generiert KI neue alkoholfreie Biersorten, die bei Verkostungen traditionell gebraute Produkte oft geschmacklich übertreffen. Auch im Kaffee-Sektor führte KI zur Kreation der Mischung “AI-conic” in Helsinki – inklusive automatisch generiertem Label und Geschmacksbeschreibung.

Design & Etiketten-Gestaltung: KI demokratisiert Kreativität

Die Gestaltung von Etiketten, Flaschen und Dosen hat sich durch Tools wie Midjourney, DALL-E oder Stable Diffusion grundlegend gewandelt. Marketingabteilungen können unzählige Varianten in Sekunden erstellen, Trends und Zielgruppen gezielt bedienen und saisonale sowie individuelle Aktionen blitzschnell umsetzen. Brauereien wie Heineken entwickeln so regionale Etiketten, die passgenau länderspezifische Geschmäcker und Designwünsche treffen.

Fallbeispiel: Whiskymarke ADOS (A Dream Of Scotland) des Brühler Whiskyhauses

Der deutsche Whiskyhändler Marco Bonn eröffnete 2010 sein Ladengeschäft mit der Prämisse, an einem eigentlich gesättigten Whisky Standort die Dinge anders zu machen, um sich vom Wettbewerb abzuheben. 2024 wurde das Brühler Whiskyhaus zum besten Whisky-Shop Deutschlands ernannt und erhielt den renommierten Gold-Award vom Whisky-Botschafter.

Um sich von der Konkurrenz abzuheben, setzt das Brühler Whiskyhaus neben einem hochwertigen und vielfältigen Spirituosensortiment (Laden und Onlineshop) auf eine als unabhängiger Abfüller kreierte Eigenmarke namens A Dream Of Scotland (ADOS). Sein Erfolgsrezept ist der Mix aus auffälligen Etiketten und Whiskyserien mit Sammlerwert, einem stetig wachsenden Produktangebot sowie einem hochwertigen Veranstaltungsangebot im liebevoll eingerichteten Ladengeschäft.

Die ADOS-Etiketten wurden anfangs in Zusammenarbeit mit Tattoo- und Grafic-Art-Künstlern gestaltet. Jedoch wurden die Auftragsarbeiten schnell zu teuer und die kreative externe Manpower fehlte. Deshalb ist das Etikettendesign längst Chefsache, denn die hauseigene Whisky-Linie ist ein bedeutender wirtschaftlicher Pfeiler des Unternehmens. Mit Hilfe von Bildbearbeitungsprogrammen, selbst erstellten Rastern und KI-Tools wie Midjourney gestaltet Marco Bonn nach Feierabend die Flaschenetiketten selbst.

Ihm ist bewusst, dass die manchmal etwas freizügigen Bilder polarisieren, aber die Absatzzahlen geben ihm dennoch Recht. Für die hochwertige Produktion in 3D-Haptik ist ihm die Zusammenarbeit mit professionellen Druckereien besonders wichtig. Marco Bonn sagt dazu: „Die pure Produktqualität ist in einem hart umkämpften Markt nicht ausreichend zur Differenzierung. Für den Verkaufserfolg sind nicht nur ein spannendes Sortiment, ein toller Laden, ein motiviertes Team und gute Ideen entscheidend, sondern auch kreativer Mut in Sachen Marketing und Verpackung.“ 

Personalisierte Marketingstrategien auf KI-Basis

Hersteller wie Diageo (Johnnie Walker, Guinness) setzen KI für hyperpersonalisierte Werbung und Micro-Targeting ein – gesteuert durch Analyse von Social Media, Kundendaten und Kaufverhalten. Bis zur Hälfte der befragten Betriebe berichten von direkter ROI-Steigerung durch KI-gestützte Marketingkampagnen, automatisierte Chatbots und individuelle Produktempfehlungen.

Prozessoptimierung und Qualitätssicherung in der Getränkeindustrie mit Hilfe von KI

Die Nutzung von KI-Anwendungen geht in der Getränkeindustrie hört beim Marketing und der Produktentwicklung nicht auf. KI-Systeme analysieren in Echtzeit Maschinen-, Produktions- und Verkaufsdaten. Sie übernehmen Predictive Maintenance, Qualitätssicherung in der Abfüllung, verringern Stillstände, senken Ausschuss und steigern die Effizienz.

KI-basierte Tools optimieren Lieferketten, Lagerung, Routenplanung und Energieverbrauch. Coca-Cola nutzt etwa Algorithmen zur präzisen Bestandsverwaltung und CO₂-Minimierung weltweit. AI-gesteuerte Logistik reduziert Transportzeiten bei gleichzeitiger Kosteneinsparung – und hilft, Lebensmittelverschwendung sowie Energiebedarf zu verringern.

KI-gestützte Robotersysteme in Laboren (z. B. beim Cappuccino-Pulver-Optimum) oder die “SmartDate”-Klassifikation für Säfte zeigen, wie Forschung die Produktion noch weiter automatisiert und verfeinert. Kommende Trends: intelligente Automaten mit Gesichtserkennung, Blockchain-gestützte Rückverfolgbarkeit, NFT-basierte Authentifizierung für Luxusgetränke.

Herausforderungen und Ausblick

Doch trotz enormer Potenziale stehen Unternehmen vor Herausforderungen: Hoher Energie- und Wasserbedarf, große Anfangsinvestitionen, Fachkräftemangel und Datenschutzbedenken hemmen die breitere Durchdringung der Technologie. Besonders in der Lebensmittelbranche bleiben Regulatorik und Transparenz über den Einsatz von künstlicher Intelligenz ein zentrales Thema, das früher oder später auch gesetzlich geregelt werden muss, damit Vertrauensverlust und Missbrauch verhindert werden.

Gleichzeitig bleibt das kreative Individuum unersetzlich. Die Schnittstelle von Mensch und Maschine wird Bestand haben – denn kreative Feinarbeit, sensorische Endabstimmung und emotionale Markenführung werden weiterhin maßgeblich von menschlichen Experten geprägt.

Künstliche Intelligenz ist nicht nur ein Effizienztreiber, sondern auch kreativer Motor der internationalen Getränkeindustrie. Sie ermöglicht innovative Produkte, beschleunigt Design- und Produktionsprozesse, macht Lieferketten nachhaltiger und verbessert die Kundenbindung. Wer KI technologie- und kostengetrieben, aber dennoch mit Fingerspitzengefühl einsetzt, profitiert von besseren Produkten und begeisterten Kunden – und prägt die Branche nachhaltig.